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01.02.2026
Buchrezension: Wassertürme im Wandel
Clementine Hegner-van Rooden empfiehlt «Wassertürme im Wandel. Ikonen der Architektur und Ingenieurbaukunst» von Barbara Berger. Das Buch widmet sich einem Bautypus, der lange primär als funktionale Infrastruktur wahrgenommen wurde. Das Buch zeigt, wie sich der Wasserturm im 19. und 20. Jahrhundert aus einer klar definierten technischen Aufgabe zu einem eigenständigen architektonischen und ingenieurtechnischen Typus entwickelte.
«Wassertürme im Wandel. Ikonen der Architektur und Ingenieurbaukunst» von Barbara Berger, ist eine kleine Reise durch die Entwicklungsgeschichte des Wasserturms – eines technischen Bauwerks, das eine wesentliche Rolle bei der Wasserversorgung spielte. Die Wassertürme entwickelten sich zu prägenden Elementen von Stadt- und Industrielandschaften und sind zugleich identitätsstiftende Zeugnisse ihrer Zeit.
Barbara Berger erläutert die technisch klar definierte Aufgabe des Wasserturms im 19. und 20. Jahrhundert – parallel zur rasanten Entwicklung von Baustoffen, Tragwerkskonzepten und Bauverfahren – die zur Ausbildung eines eigenständigen Bautypus führte. Das Buch widmet sich diesem speziellen Bauwerk, das lange primär funktional gelesen wurde, und macht deutlich, dass Wassertürme weit mehr sind als reine technische Infrastrukturbauten. Ausgangspunkt ist ihre Funktion als Speicher zur Sicherstellung des Betriebsdrucks sowie zum Ausgleich zwischen Wasserförderung und unregelmässigem Verbrauch. Wassertürme dienten der Trinkwasserversorgung, der Eisenbahn, der Industrie, Schlachthöfen und der bürgerlichen Versorgung, etwa für Brunnenanlagen. Mit dem Fokus auf die Konstruktionsgeschichte des Behälterbaus werden Tragwerkslösungen in Mauerwerk, Stahl und Stahlbeton analysiert, konstruktive Optimierungen erläutert und historisch eingeordnet. Barbara Berger zieht ausserdem Parallelen zwischen dem Behälterbau von Gasbehältern und der Typologie des Wasserturms. Eine Fragestellung, die aus ihrer langjährigen Forschung hervorgegangen ist, ebenfalls vor dem Hintergrund des empirisch gewonnenen Erfahrungswissens der Ingenieure sowie der Entwicklung neuer Baustoffe.
Christian Kayser beleuchtet als Architektur- und Konstruktionshistoriker die Entwicklung der Turmarchitektur und zeigt, wie sich der Wasserturm ins Stadtbild integrierte und zu einem eigenständigen Bautypus entwickelte. Einzelne Behälter wurden auf bestehende Bauwerke wie Wehr- oder Stadtmauertürme gesetzt und in deren Struktur integriert. Mit dem Fortschritt der Eisen- und Bautechnologie löste er sich zunehmend von diesen Vorgaben. Es entstanden eigenständige Bauwerke mit standardisierten Formen, bis hin zum sogenannten «Grosskopf», bei dem der Behälter über den Schaft hinausragt. Mit dem Eisenbetonbau als neuem Baustoff wurde schliesslich eine monolithische Gestaltung möglich, die dem Bau eine neue formale Freiheit verlieh.
Da der Wandel eng mit dem Einsatz neuer Baustoffe verknüpft ist, widmet sich Jörg Rehm schliesslich den Errungenschaften des Eisenbetonbaus für den Wasserturm.
Die Beiträge zeigen, dass architektonische Ausdrucksformen häufig direkt aus statischen und funktionalen Anforderungen entstanden. Wassertürme erscheinen damit als gebaute Dokumente des jeweiligen Standes der Ingenieurtechnik und nicht als nachträglich gestaltete Hüllen. An der Buchvernissage verdeutlicht Jürg Conzett, dass in der Geschichte der Konstruktion oft zuerst die Form vorhanden war und erst im Nachhinein statisch analysiert wurde. Nur selten habe die statische Theorie selbst neue Formen hervorgebracht, wie etwa beim Schwedlerträger, dessen Funktionsweise ohne theoretisches Wissen kaum intuitiv verständlich ist.
In der Schweiz entstanden vergleichsweise wenige Türme, da die Topografie mit Hügeln und Bergen erlaubte, Wasserreservoirs direkt in den Felsen zu integrieren und so gewissermassen «natürliche» Wassertürme zu nutzen. Ein Beispiel aber findet sich in St. Gallen bei der historischen Lokremise: Ein kleiner Wasserturm mit einem Volumen von nur 100 m3, 1906 nach Plänen von Robert Maillart erbaut. Er zeigt das allmähliche Verschmelzen von Behälter und Turm und den frühen Umgang mit Eisenbeton. Robert Maillart beschäftigte sich dabei nicht nur mit Wassertürmen, sondern auch mit Trinkwasserreservoirs, deren pilzförmige Stützen eindrucksvolle, kathedralartige Räume entstehen lassen.
Insgesamt gelingt es der Autorenschaft, ingenieurtechnische Zusammenhänge – etwa Tragwerksprinzipien, Materialwahl oder statisch-konstruktive Innovationen – von Wassertürmen darzustellen, ohne den architektonischen und kulturhistorischen Kontext aus dem Blick zu verlieren.
Ein weiteres zentrales Thema ist der Bedeutungswandel dieser Bauwerke. Mit der Stilllegung vieler Anlagen geraten Wassertürme zunehmend unter Abbruchdruck. Ihr Verlust bedeutet nicht nur das Verschwinden markanter Landmarken, sondern auch das Verschwinden von ingenieurtechnischen Zeugnissen. Damit drohen ganze Kapitel der Bau- und Technikgeschichte verloren zu gehen. Die im Katalog vorgestellten Beispiele zeigen jedoch das Potenzial der Umnutzung: Als Wohn-, Kultur- oder öffentliche Bauten können Wassertürme neue Funktionen übernehmen, ohne ihre konstruktive und symbolische Kraft zu verlieren. Ihre bauliche Robustheit erweist sich dabei zugleich als Chance und Herausforderung für Erhalt und Weiterentwicklung.
Die zahlreichen Abbildungen, Pläne und historischen Darstellungen verleihen dem Band eine hohe Anschaulichkeit. Besonders der Katalogteil, in dem unterschiedliche Typologien und Konstruktionsprinzipien im gleichen Massstab nebeneinandergestellt sind, ermöglicht vergleichende Einblicke. Die Grundlage entstand in Zusammenarbeit mit Studierenden der Hochschule München in zwei Seminaren während der Covid-Zeit und wurde von Barbara Berger und Eva-Lucia Auer zeichnerisch aufgearbeitet. Berger betont den Mehrwert dieser Darstellung: Erst durch den einheitlichen Massstab lasse sich die Bau- und Materialgeschichte der Wassertürme anschaulich nachvollziehen. So richtet sich das Buch nicht nur an Fachleute aus Architektur und Ingenieurwesen, sondern auch an ein breiteres baukulturell interessiertes Publikum. Es schärft den Blick für einen Bautypus, der vielerorts sichtbar ist, dessen Bedeutung und Geschichte jedoch oft übersehen werden. So ist letztlich nicht nur ein Beitrag zur Bau- und Technikgeschichte des Wasserturms entstanden, sondern auch ein Plädoyer für die Anerkennung ingenieurtechnischer Leistungen als kulturelles Erbe – in einem kleinen, feinen Buchformat.